Das Mittagessen von Altstetten

Symbolisches Artikelbild zu Medienethik: gedeckter Mittagstisch mit Kamera, Mikrofon, SRF-Anspielung und zerrissenem Blatt «Vertrauen – Off the Record».
Mittwoch, 01. Juli 2026
Gastautor

Wie das Schweizer Fernsehen einen ehrbaren Mann erlegte – und sich dabei selbst überführte

Es beginnt harmlos, wie alle Vernichtungen beginnen. Ein Restaurant in Altstetten, eine Drehpause, ein Teller vor der Nase. Der eine, Patrick Fischer, Nationaltrainer, erfolgreich, geachtet – ein Mann, den man porträtieren wollte, weil er etwas darstellt. Der andere, Pascal Schmitz, Redaktor beim Schweizer Fernsehen, mit Kamera und Verbandsmedienchef im Rücken. Man plaudert. Und irgendwann, im Vertrauen eines Gesprächs, das nicht für die Öffentlichkeit gedacht war, erwähnt Fischer eine alte, längst erledigte Sache: dass er 2022 mit einem gefälschten Covid-Zertifikat nach Peking gereist war. Gebüsst, abgeschlossen, vergangen.

Was ein Mann von Ehre mit diesem Vertrauen macht, entscheidet über seinen Charakter. Was Pascal Schmitz damit gemacht hat, entscheidet über den Charakter einer ganzen Institution.

Er hat es veröffentlicht. Aus dem geplanten Porträt wurde eine «Enthüllung». Aus dem Vertrauensvorschuss wurde die Munition. Aus dem erfolgreichen Trainer wurde ein Fall. Und aus einem Journalisten, der seinen Job hätte machen können, wurde das, was der Weltwoche-Kolumnist Kurt W. Zimmermann trocken einen «journalistischen Schurken» nennt.

Der Beweis, den man dem Fernsehen nicht abnehmen muss

Man könnte diesen Fall abtun als Aussage gegen Aussage. Der eine sagt, es war vertraulich, der andere sagt, es war es nicht – und weil die halbe Schweiz dem Schweizer Fernsehen sowieso kein Wort mehr glaubt, hätte man am Ende bloss ein Gefühl gegen eine Medienmitteilung. Ein schwacher Ort, um zu stehen.

Aber hier steht man nicht auf einem Gefühl. Hier steht man auf einem Dokument.

Denn im Mail-Verkehr, der später öffentlich wurde, schreibt Pascal Schmitz selbst – mit eigener Hand, in eigenen Worten – von einem «Off-the-record-Gespräch» und einer «Off-the-record-Vereinbarung». Der Medienchef des Eishockeyverbands, Finn Sulzer, bestätigt es zusätzlich: Das Gespräch sei ausdrücklich als vertraulich geführt worden, und Schmitz habe es im Mail-Austausch ebenfalls so bezeichnet.

Und dann, als der Schaden angerichtet und der Trainer erledigt war, stellt sich das Schweizer Fernsehen hin und erklärt in aller Kaltblütigkeit: «Es gab keine Off-the-record-Vereinbarung.»

Hier braucht es kein Vertrauen mehr. Hier braucht es nur Lesen können. Ein Haus behauptet, es habe nie eine Abmachung gegeben. Sein eigener Redaktor nennt die Abmachung schwarz auf weiss beim Namen. Zwei Sätze, die nicht beide wahr sein können. Der eine überführt den anderen. Und wer überführt wird durch das, was er selbst geschrieben hat, der windet sich nicht bloss – der lügt. Nicht als Vermutung, sondern als nachweisbarer Tatbestand.

Die Kunst der nachträglichen Wortklauberei

Man muss dem Schweizer Fernsehen eines lassen: Im Herausreden ist es virtuos. Als der Widerspruch nicht mehr zu leugnen war, kam die Sprachregelung. Es habe, so heisst es nun, keine vorgängige Vereinbarung gegeben. Der Verbandsmedienchef habe die Vertraulichkeit erst nachträglich geltend gemacht. Und Schmitz habe in seinem Mail lediglich den Wortlaut des Verbandes wiedergegeben, nicht etwa selbst eine Abmachung bestätigt.

Man muss diese Konstruktion einen Moment auf der Zunge zergehen lassen, um ihre ganze Verlogenheit zu schmecken. Ein Journalist schreibt in einem Mail wörtlich von einer «Off-the-record-Vereinbarung» – und das soll bedeuten, es habe keine gegeben? Er habe die Worte nur zitiert? Das ist nicht die Sprache eines Menschen, der die Wahrheit sagt. Das ist die Sprache eines Anwalts, der einen Mandanten aus einer Sache herauswinden muss, in der er ertappt wurde. Es ist die Grammatik des schlechten Gewissens: Man erfindet Unterscheidungen – vorher, nachher, selbst gesagt, nur wiedergegeben –, die im echten Leben niemand trifft, ausser jenem, der etwas zu verbergen hat.

Und genau darin liegt das Muster, das diesen Fall über den Sport hinaushebt. Dieselbe Institution, die von jedem Bürger absolute Transparenz und Rechenschaft verlangt, greift, sobald sie selbst ertappt wird, zum feinsten Filigran der Ausrede. Für die anderen gilt der grobe Massstab. Für sich selbst näht man sich ein Schlupfloch aus Kommas und Adverbien.

Zweierlei Mass, offen zur Schau getragen

Wer wissen will, wie dieses Haus tickt, muss den Fall Fischer nur neben einen anderen legen. Man erinnere sich an Sascha Ruefer und den Satz über Granit Xhaka, der aus einer Rohschnittfassung an die Öffentlichkeit gelangte. Damals war das durchgestochene, vertrauliche Material ein Skandal – aber ein Skandal gegen den, dessen Worte man geleakt hatte. Man witterte Rassismus, man forderte Konsequenzen, man nahm die Vertraulichkeit der Aufnahme nicht als schützenswert wahr, sondern als lässliche Formalität auf dem Weg zur Empörung.

Beim Fall Fischer läuft dasselbe Muster – nur diesmal betreibt das Fernsehen das Durchstechen selbst. Vertrauliches Gespräch, verwertet gegen den, der sich anvertraut hat. Was beim einen die Empörung befeuert, wird beim anderen zur Heldentat des «gewissenhaften Journalismus» umgedeutet. Der Massstab wechselt je nachdem, wem er nützt. Das ist keine Ethik. Das ist Opportunismus mit Sendeauftrag.

David muss sich eine PR-Agentur mieten – Goliath hat die Zwangsgebühren

Das vielleicht Bezeichnendste an dieser Geschichte ist die Machtverteilung, die sich zeigt, als Fischer sich endlich wehrt. Um überhaupt gehört zu werden, muss er ein 35-minütiges Video auf seinem eigenen YouTube-Kanal veröffentlichen. Geführt wird das Interview von Peter Röthlisberger – einem Mann von der Chefredaktion GmbH, einer PR-Agentur, ehemaliger Blick-Chefredaktor und einst Inlandchef der Weltwoche.

Man halte diesen Moment fest. Ein Bürger, dem von einer gebührenfinanzierten Grossmacht die Existenz als Nationaltrainer genommen wurde, muss sich Öffentlichkeit kaufen. Er muss sich eine Agentur mieten, um überhaupt eine Stimme zu haben. Auf der anderen Seite steht ein Apparat, der Jahr für Jahr mit Zwangsgebühren gefüttert wird, der die Sendezeit besitzt, den Zugang kontrolliert und die Deutungshoheit als Grundausstattung mitbekommt.

«PR statt Journalismus» lautet der Vorwurf – und die Ironie ist, dass er stimmt, nur nicht dort, wo man ihn gern verortet. Die eigentliche PR-Maschine ist nicht der einzelne, der sich verzweifelt Gehör verschafft. Es ist der Sender, der einen abgeschlossenen, gebüssten Fehltritt zur «Enthüllungsstory» aufbläst und das Zerstören eines Menschen als journalistische Leistung feiert.

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Wenn der Reporter zum Fall wird

Bemerkenswert ist, wie schnell die Fassade bröckelte, als das Scheinwerferlicht sich drehte. Kaum war die Affäre um Fischer öffentlich, tauchten aus Schmitz' eigener Vergangenheit obszöne und rassistische Facebook-Beiträge auf, die er nach Bekanntwerden hastig gelöscht hatte. Das Schweizer Fernsehen, das eben noch die schonungslose Aufklärung über andere feierte, distanzierte sich nun «klar» von den Äusserungen des eigenen Mannes. Schmitz steht vorerst nicht mehr vor der Kamera, entschuldigt sich «in aller Form» und tritt als Stadionsprecher der Lakers zurück.

Man sehe sich diese Doppelbewegung an. Gegenüber Fischer galt: Ein alter Fehltritt disqualifiziert einen Menschen, egal wie lange her, egal ob gebüsst, egal ob vertraulich anvertraut. Gegenüber dem eigenen Mann gilt plötzlich: eine Distanzierung, eine Entschuldigung, ein temporäres Kamera-Verbot – und die Sache soll ruhen. Der Massstab, mit dem man Fischer zerlegte, wird für den eigenen Reporter über Nacht weich und nachsichtig.

Und wo, bitte, war die Führung?

Über all dem thront eine Chefredaktion, deren Reaktion man kaum anders als Bankrotterklärung lesen kann. Chefredaktor Tristan Brenn verteidigt die Publikation, erklärt, Schmitz habe sich «professionell verhalten und seinen Job als Journalist gemacht», die Veröffentlichung sei «zwingend» gewesen. Erst spät, unter Druck, räumt er immerhin «Fehleinschätzungen im Umgang mit den Reaktionen» ein – also nicht etwa den Fehler selbst, sondern bloss das Missmanagement der öffentlichen Empörung darüber.

Das ist die Haltung eines Hauses, das im eigenen Handeln grundsätzlich keinen Fehler zu erkennen vermag. Ein Vertrauensbruch wird zur Pflichterfüllung umgedeutet, das Erledigen eines Menschen zum handwerklichen Standard erklärt. Und die Führung, deren Aufgabe es wäre, ihre Leute an eine Ethik zu binden, bindet sie stattdessen an nichts als den Selbstschutz der Institution.

Was der Fall zeigt – und was er nicht beweist

Es wäre unredlich, aus diesem einen Fall mehr herauszulesen, als er trägt – und Redlichkeit ist genau das, was der Gegenseite fehlt, weshalb man sie sich selbst nicht leisten sollte zu verlieren. Der Fall Fischer beweist nicht aus sich heraus eine grosse, koordinierte Achse zwischen Medien, Politik und Justiz. Wer solche Muster behaupten will, braucht andere Belege daneben; dieser eine Fall trägt sie nicht allein.

Was er aber wasserdicht beweist, ist schlimm genug: dass eine gebührenfinanzierte Institution einen vertraulichen Vertrauensbruch begehen, ihn danach abstreiten, sich mit dem eigenen Dokument selbst überführen und die Führung sich trotzdem schützend davorstellen kann – ohne die Spur einer Konsequenz zu fürchten. Es zeigt, wie ein erfolgreicher, unbescholtener Bürger mit einem Lächeln erledigt wird und die Täter sich hinterher zur Selbstverteidigung noch auf die «journalistische Ethik» berufen, die sie mit Füssen getreten haben. Und es zeigt, wie mühelos ein Publikum getäuscht werden kann, wenn die Täuschung nur mit genug Sendeautorität und dem Wort «Enthüllung» daherkommt.

Der Charaktertest

Kurt W. Zimmermann hat die Frage auf den einzig ehrlichen Punkt gebracht: Die Affäre ist ein Charaktertest für die Chefetage – für SRG-Generaldirektorin Susanne Wille und SRF-Direktor Roger Elsener. Haben sie Charakter, dann entlassen sie die drei, die sich als journalistische Schurken erwiesen haben: den Reporter Pascal Schmitz, den Nachrichtenchef Gregor Meier und den Chefredaktor Tristan Brenn.

Man wird nicht darauf wetten wollen. Wahrscheinlicher ist, dass am Ende gar nichts geschieht, dass die Sache aussitzt wird, bis sie im nächsten Nachrichtenzyklus versinkt, und dass der ganze Apparat weiterläuft wie zuvor – gefüttert mit den Zwangsgebühren jener Bürger, denen er gerade vorgeführt hat, wie wenig ihr Vertrauen ihm wert ist.

Aber die Frage bleibt gestellt, und sie lässt sich nicht mehr wegreden. Denn diesmal liegt der Beweis nicht im Ermessen der Beteiligten. Er liegt in einem Mail. Und dieses Mail hat Pascal Schmitz selbst geschrieben.

Kommentar. Die tatsächlichen Vorgänge – der Mail-Wortlaut, die Stellungnahmen von SRF und Eishockeyverband, die Rücktritte und Distanzierungen – sind öffentlich dokumentiert. Die Wertungen und Schlussfolgerungen sind die des Autors.


Kommentar. Die tatsächlichen Vorgänge – der Mail-Wortlaut, die Stellungnahmen von SRF und Eishockeyverband, die Rücktritte und Distanzierungen – sind öffentlich dokumentiert. Die Wertungen und Schlussfolgerungen sind die des Autors.

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Tags

Medienethik, Medienkritik, Off the Record, Pascal Schmitz, Patrick Fischer, SRF, Tristan Brenn


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